Corona lässt
grüßen: War Deutschland vorbereitet auf die Epidemie? War / ist Deutschland ihr
gegenüber „resilient“? Ein harter Test!
Ursprünglich ein Begriff der Materialkunde wird „Resilienz“ vor allem in der Psychologie als „Immunsystem der Seele“ diskutiert – und nun in der Nachhaltigkeitsforschung.
Risiken vorbeugen
Der Kern ist banal:
Gegen Risiken wappnet man sich. Gegen Energieausfall mit Notstromaggregaten, gegen
Feuer mit Sprinklern, Feuerwehr und Brandschutz. Gegen Hochwasser mit Deichen,
Sperrwerken, Rückhaltebecken. Gegen Epidemien … das erleben wir gerade.
Resilienz ist immer auf bestimmte Gefahren oder Stressfaktoren bezogen. Es gibt unterschiedliche: solche, deren Eintritt man ausschließen will wie Feuer, solche, deren Folgen man minimieren will wie Hochwasser, Epidemien, und solche, deren Eintritt und Folgen kaum noch zu vermeiden sind (Klimawandel).
Widerstand oder Anpassung?
„Resilienz“ bedeutet einerseits Widerstandskraft,
Robustheit: die Fähigkeit, den Ist-Zu-stand vor einem Angriff, einer
Veränderung zu schützen. Andererseits bedeutet Resilienz aber auch Anpassungsfähigkeit:
die Fähigkeit, aus Krisen zu lernen, das Unvermeidliche in Zukunft möglichst
gut in unser Leben zu integrieren. Gemeinsam ist beiden Varianten das Ziel,
Grundfunktionen der Gemeinschaft zum Wohle aller zu stabilisieren – gerade auch
für zukünftige Generationen.
Und damit
sind wir bei der Nachhaltigkeit – und bei einem Problem:
Widerstands- und Anpassungsfähigkeit stehen in einem Spannungsverhältnis: den Ist-Zustand verteidigen oder verändern?
Ist-Zustand verteidigen oder verändern?
Erderwärmung,
Artenschwund und Rohstoff-Ausbeutung stellen uns vor große Probleme. Notwendig ist eine „große Transformation“, eine
Agrar‑, Energie- und Mobilitätswende, also Veränderung. Diese kann kollidieren
mit der Bewahrung, dem Schutz des Ist-Zustandes.
Z.B. Hochwasser-Vorsorge:
immer höhere Deiche oder siedlungsfreie Überflutungsflächen? Z.B.
Hitze-Vorsorge: mehr Klimaanlagen oder eine bessere Durchlüftung der Stadt
durch Kaltluft-Schneisen? Z.B. Waldschutz: Wiederaufforstung oder
unbeeinflusste Regeneration? Artenschutz: Blühstreifen am Feldrand oder
Beschränkung der industriellen Landwirtschaft?
Auch auf
soziale Risiken lässt sich dieses Spannungsverhältnis übertragen. Z.B. Resilienz
gegen Zuwanderungsstress: hier
Abschottung, dort Fluchtursachenbekämpfung. Wohnungsnot: hier Mietendeckel,
dort Wohnungsbau. Infektionsschutz: hier Mundschutz, dort Beschränkung des
öffentlichen Lebens. Gesellschaftliche Polarisierung: hier Transferleistungen,
dort Bildungspolitik für Kinder aus benachteiligten Familien?
Und zur Resilienz der Wirtschaft gegen Globalisierungsrisiken: Staatskredite in Milliardenhöhe oder Kürzung der Lieferketten?
Resilienz fordert beides
Das ist meist
kein Entweder-Oder. Doch oft liegt der Spatz der kurzfristigen Verteidigung des
Ist-Zustands näher als die Taube der langfristigen Strukturanpassung. Nachhaltiger,
weil zukunftsfester und Ursachen-orientiert ist meist die letztere.
Doch halt!
Resilienz gegenüber dem Klimawandel heißt nicht zuerst Klimaanpassung mit
Hochwasser‑, Hitze- und Dürrebekämpfung. Sondern nach wie vor Klimaschutz, also
die Verminderung der Treibhausgase als Ursache des Klimawandels. Resilienz
fordert beides.
Canislupus auf Pixabay
Über den Autor: Dr. Hans-Joachim Menzel
Dr. iur. Hans-Joachim Menzel ist Jurist, Autor, Mitgründer und langjähriger Sprecher beim „Zukunftsrat Hamburg”. Er war Bundesvorsitzender von „terre des hommes — Hilfe für Kinder in Not weltweit” und ist ehrenamtlich in sozialen, ökologischen und Nachhaltigkeits-Initiativen engagiert.
