Oktober.
Erntedank und Welternährungstag. Früher wurde gefeiert, was die Bauersfamilien
durch den Winter brachte. Heute geht es um eine Agrarwende, um Klima- und
Artenschutz, um Hunger und Food-Logistik weltweit.
Ernährungswissenschaftler
empfehlen 5 Portionen Obst oder Gemüse am Tag – dafür weniger Fleisch und
Wurst. Das Dumme ist: Wovon wir weniger essen sollen, davon produziert
Deutschland mehr als genug; wovon wir mehr essen sollen, da reicht die
Produktion bei weitem nicht zur Selbstversorgung: die Quote bei Gemüse liegt um
die 40% — Ausnahme: Kartoffeln: 140% — und bei Obst nur um die 20%.
In Omas Keller
und Speisekammer standen noch (stromlose) Batterien von Weckgläsern,
Saftflaschen, Marmeladengläsern, Kartoffelstiegen, ein Sauerkrautfass, ein Rumtopf:
Die Hausfrau kochte im Sommer ein, konservierte für den Winter. Heute wird lieber
Frischware gekauft – egal, wann: innerhalb oder außerhalb der heimischen
Saison; egal, woher: Äpfel aus Neuseeland, Trauben aus Chile, Bananen aus
Equador, Apfelsinen aus Südafrika.
Dem Klima ist
das nicht egal: Fast 13.000 t Gemüse und 10.600 t Obst kommen jährlich im
Flugzeug zu uns, die allermeisten Importe allerdings mit dem Schiff aus Übersee
und mit LKW und Bahn aus Europa. Die sehr unterschiedlichen Klimawirkungen sind
bekannt.
Aber auch die
am weitesten gereiste Frucht stößt übrigens insgesamt – für Produktion und
Transport – nur einen Bruchteil der Klimagase aus, die ein Steak vom Rind nebenan
erzeugt. Da sind sich Ernährungs- und Klimawissenschaftler einig.
Was sind
heute die Alternativen zum Einkochen bzw. zum Verzicht?
Etwa
Frühkartoffeln aus Ägypten im Januar?
Hier ist das Hauptproblem der immense Wasserbedarf der Pflanzen in einem
Wüstenland. Und deutsche Kartoffeln gibt
es schließlich das ganze Jahr, die Frühen im Juni.
Und im
Februar Tomaten aus einem beleuchteten und gewärmten Glashaus im Umland? Je
nach Treibhaus- und Energieart fallen hier 5- bis 30-mal mehr Klimagase an als bei
der Freiland- und Tunnelproduktion.
Aber im März
knackige Äpfel und Birnen aus dem CA-Lager? CA ist die Aufbewahrung beim (hiesigen) Obstbauern unter Sauerstoffentzug,
hoher Luftfeuchtigkeit und geringer Temperatur. Äpfel vom September
schmecken auch im nächsten Juli noch gut. Der Vorteil im Vergleich zur CO2-Bilanz
von frischen Überseeäpfeln schmilzt allerdings bis ca. April auf null.
Und wie wäre
es mit Tiefkühlkost und selbst eingefrorener Saisonware? Das kostet zwar laufend
Energie. Aber auch nicht mehr als die Konservierung in Gläsern oder Dosen. Bei
der CO2-Gesamtbilanz kommt es eher auf die Herstellung der Produkte
selbst und die Lagerung im Haushalt an, sagt das Öko-Institut.
Meine Meinung: Es ist schwierig, sich nachhaltig zu ernähren. Immerhin ist seit 2008 bei Frischware das Ursprungsland anzugeben. Nicht aber die Erntezeit, ob Schiff oder Flug, ob frisch oder gelagert, ob Feld oder Glashaus. Und dann gibt es ja nicht nur den Klimaschutz: auch den Geschmack, die Schadstoffbelastung, die Arbeitsbedingungen der Produzenten vor Ort, entwicklungspolitische Aspekte bei Importware… Mein Kurz-Schluss: möglichst heimische Frischware, sonst gerne mit Bio- und Transfair-Siegel. Ein Verzicht auf Exotisches spart wiederum Geld und gibt Pluspunkte in der eigenen Klimaschutzbilanz. Das wäre mein Erntedank.
Bild von RitaE auf Pixabay
Über den Autor: Dr. Hans-Joachim Menzel
Dr. iur. Hans-Joachim Menzel ist Jurist, Autor, Mitgründer und langjähriger Sprecher beim „Zukunftsrat Hamburg”. Er war Bundesvorsitzender von „terre des hommes — Hilfe für Kinder in Not weltweit” und ist ehrenamtlich in sozialen, ökologischen und Nachhaltigkeits-Initiativen engagiert.
