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Ham­burgs Olym­pia-Refe­ren­dum: Eine Ent­schei­dung ohne aus­rei­chen­de Grundlage

Posted on 16 Apr. um 12:48 Uhr

PRES­SE­MIT­TEI­LUNG

Der Zukunfts­rat Ham­burg erkennt die Poten­zia­le einer Olym­­pia-Bewer­­bung an – und emp­fiehlt beim bevor­ste­hen­den Refe­ren­dum den­noch ein Nein. Der Grund: Zen­tra­le Fra­gen zu Nach­hal­tig­keit, sozia­ler Ver­ant­wor­tung und demo­kra­ti­scher Trans­pa­renz sind bis heu­te unbe­ant­wor­tet – und ein zen­tra­les struk­tu­rel­les Pro­blem ist grund­sätz­lich nicht auflösbar.

Olym­pi­sche und Para­lym­pi­sche Spie­le kön­nen inter­na­tio­na­le Begeg­nung för­dern, Inves­ti­tio­nen in städ­ti­sche Infra­struk­tur beschleu­ni­gen und sport­li­che Begeis­te­rung ent­fa­chen. Der Zukunfts­rat Ham­burg erkennt die­se Poten­zia­le aus­drück­lich an – sie sind der Grund, war­um wir uns seit 2015 ernst­haft und dif­fe­ren­ziert mit der Fra­ge aus­ein­an­der­set­zen, unter wel­chen Bedin­gun­gen eine Bewer­bung ver­ant­wort­bar sein könn­te. Die­se Stel­lung­nah­me ist kei­ne grund­sätz­li­che Absa­ge an den olym­pi­schen Gedan­ken. Sie ist eine sach­li­che Ana­ly­se der Fra­ge, ob die vor­lie­gen­den Infor­ma­tio­nen eine fun­dier­te Ent­schei­dung heu­te ermöglichen.

Auf Grund­la­ge der heu­te vor­lie­gen­den Infor­ma­tio­nen emp­feh­len wir aus der Per­spek­ti­ve nach­hal­ti­ger Ent­wick­lung beim Refe­ren­dum am 31. Mai ein Nein.

Ein struk­tu­rel­les Pro­blem – das sich nicht weg­pla­nen lässt

Unter den offe­nen Fra­gen gibt es eine, die sich von allen ande­ren grund­le­gend unter­schei­det: die Fra­ge nach dem CO₂-Budget.

Alle ande­ren Defi­zi­te der Bewer­bung – feh­len­de Sozi­al­kon­zep­te, unkla­re Ver­trags­kon­di­tio­nen mit dem IOC, unge­klär­te Finanz­ri­si­ken – sind theo­re­tisch lös­bar. Mit aus­rei­chend poli­ti­schem Wil­len, Zeit und Res­sour­cen könn­ten sie beant­wor­tet, nach­ge­bes­sert oder ver­trag­lich abge­si­chert wer­den. Das CO₂-Pro­­blem ist ande­rer Natur.

Die glo­ba­len Kapa­zi­tä­ten für qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ge, veri­fi­zier­ba­re CO₂-Kom­­pen­­sa­­ti­on sind phy­sisch begrenzt. Die Nach­fra­ge über­steigt das ver­füg­ba­re Ange­bot bereits heu­te deut­lich. Jede Ton­ne CO₂, die für ein frei­wil­li­ges Gro­ße­vent kom­pen­siert wird, steht für lebens­not­wen­di­ge Berei­che – Wohn­raum­hei­zung, Grund­stoff­pro­duk­ti­on, medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung – nicht mehr zur Ver­fü­gung. Das Ham­bur­gi­sche Kli­ma­schutz­ge­setz, durch den Zukunfts­ent­scheid 2025 recht­lich gestärkt, schreibt ver­bind­li­che jähr­li­che Emis­si­ons­ober­gren­zen vor und prio­ri­siert aus­drück­lich tat­säch­li­che Emis­si­ons­min­de­run­gen gegen­über Kom­pen­sa­ti­on. Eine belie­bi­ge Kom­pen­sa­ti­on olym­pia­be­ding­ter Emis­sio­nen ist damit recht­lich gar nicht vorgesehen.

Die­se Gren­ze lässt sich nicht mit bes­se­rem Wil­len, ambi­tio­nier­te­ren Ver­spre­chen oder inno­va­ti­ver Pla­nung ver­schie­ben. Sie ist eine phy­si­sche und recht­li­che Rea­li­tät – und sie ver­schärft sich mit fort­schrei­ten­der Kli­ma­kri­se, nicht umge­kehrt. Das macht die­ses Argu­ment zu einem ande­ren als alle übri­gen: Es ist heu­te bereits mit hoher Sicher­heit vor­her­sag­bar, dass es sich nicht auf­lö­sen lässt.

Vie­le wei­te­re offe­ne Fra­gen – kei­ne belast­ba­ren Antworten

Jen­seits die­ses struk­tu­rel­len Pro­blems wirft die Bewer­bung in zwei wei­te­ren zen­tra­len Dimen­sio­nen erheb­li­che Fra­gen auf, die bis heu­te nicht geklärt sind.

Sozi­al sind Fra­gen zur Ent­wick­lung des Woh­nungs­markts in betrof­fe­nen Stadt­tei­len, zum Schutz ein­kom­mens­schwa­cher Bevöl­ke­rungs­grup­pen und zur Siche­rung der Wür­de obdach­lo­ser Men­schen wäh­rend Vor­be­rei­tung und Durch­füh­rung unge­klärt. Erfah­run­gen aus jün­ge­ren Aus­tra­gungs­or­ten zei­gen, dass die­se Risi­ken real sind und kon­kre­ter Ant­wor­ten bedür­fen – nicht nur des guten Wil­lens. Bei erwar­te­ten rund zehn Mil­lio­nen Besu­chen­den stel­len sich zudem prak­ti­sche Fra­gen zu Unter­kunft, Infra­struk­tur und Lebens­qua­li­tät der Ham­bur­ger Bevöl­ke­rung, auf die die Bewer­bung bis­lang kei­ne belast­ba­ren Ant­wor­ten liefert.

Wirt­schaft­lich ist das Gesamt­fi­nanz­ri­si­ko für die Stadt nicht ein­schätz­bar. His­to­risch lie­gen die Kos­ten­ri­si­ken bei Olym­pi­schen Spie­len regel­mä­ßig bei den Gast­ge­ber­städ­ten, wäh­rend das IOC als pri­va­te Orga­ni­sa­ti­on kei­ne Haf­tung über­nimmt. Ver­bind­li­che Kos­ten­gren­zen oder Aus­stiegs­klau­seln wur­den bis­lang nicht kommuniziert.

Offe­ne Fra­gen zur Ver­trags­ge­stal­tung mit dem IOC

Ein zen­tra­les Anlie­gen des Zukunfts­rats betrifft die Ver­trags­be­din­gun­gen mit dem Inter­na­tio­na­len Olym­pi­schen Komi­tee. Wie wird Ham­burg sicher­stel­len, dass ambi­tio­nier­te Nach­hal­tig­keits­zie­le gegen­über dem IOC und sei­nen Spon­so­ren tat­säch­lich durch­setz­bar sind? Wel­che ver­bind­li­chen Rück­tritts­kri­te­ri­en gel­ten, wenn zen­tra­le öko­lo­gi­sche oder sozia­le Min­dest­stan­dards nicht ein­ge­hal­ten wer­den kön­nen? Wel­che Spiel­räu­me bestehen inner­halb des Ver­trags­rah­mens für eine nach­hal­ti­ge Gestal­tung – etwa bei der Aus­wahl von Ver­pfle­gungs­part­nern, Mobi­li­täts­lö­sun­gen oder Bau­ma­te­ria­li­en? Und wie ver­hält sich das IOC-Spon­­so­rin­g­­sys­­tem, das glo­ba­len Kon­zer­nen exklu­si­ve Ver­mark­tungs­rech­te ein­räumt, zu den Nach­hal­tig­keits­an­for­de­run­gen des Ham­bur­gi­schen Vergaberechts?

Die­se Fra­gen betref­fen die struk­tu­rel­le Mach­bar­keit der zen­tra­len Ver­spre­chen der Bewer­bung. Belast­ba­re, öffent­lich zugäng­li­che Ant­wor­ten lie­gen bis­lang nicht vor.

Kri­tik am Pro­zess vor dem Referendum

Der Zukunfts­rat sieht sich ver­an­lasst, auch auf die Art und Wei­se hin­zu­wei­sen, wie die Öffent­lich­keit bis­lang in die­sen Pro­zess ein­ge­bun­den wur­de. Eine demo­kra­ti­sche Abstim­mung setzt vor­aus, dass die Bevöl­ke­rung aus­ge­wo­gen und voll­stän­dig infor­miert wird. Dar­an bestehen begrün­de­te Zweifel.

Das für Ham­bur­ger Schu­len ent­wi­ckel­te Infor­ma­ti­ons­ma­te­ri­al zur Olym­pia­be­wer­bung stammt aus­schließ­lich von der Stel­le, die den Auf­trag hat, die Bewer­bung vor­an­zu­trei­ben. Kri­ti­sche oder unab­hän­gi­ge Quel­len feh­len. Mehr Demo­kra­tie Ham­burg hat dies als Ver­stoß gegen den schul­recht­lich nor­mier­ten Beu­tels­ba­cher Kon­sens bewer­tet und prüft recht­li­che Schrit­te. Auch die bis­he­ri­gen Betei­li­gungs­for­ma­te haben zwar Bür­ger­nä­he signa­li­siert – die eigent­li­che Grund­satz­fra­ge jedoch, ob die Aus­tra­gung Olym­pi­scher Spie­le in ihrer heu­ti­gen Form den gesell­schaft­li­chen Prio­ri­tä­ten Ham­burgs ent­spricht, stand in kei­nem der For­ma­te zur Debatte.

Erschwe­rend kommt hin­zu, dass wesent­li­che Tei­le der inhalt­li­chen Nach­hal­tig­keits­pla­nung erst nach dem Refe­ren­dum begin­nen sol­len. Die Bevöl­ke­rung wird gebe­ten, auf der Basis von Absichts­er­klä­run­gen zu ent­schei­den – nicht auf der Basis über­prüf­ba­rer Fakten.

Unse­re Empfehlung

Der Zukunfts­rat Ham­burg hat bereits 2015 sechs Min­dest­be­din­gun­gen for­mu­liert, unter denen eine Olym­­pia-Bewer­­bung aus Nach­hal­tig­keits­sicht ver­ant­wort­bar sein könn­te. Zehn Jah­re spä­ter sind die­se Bedin­gun­gen nicht nach­weis­lich erfüllt. Die aktu­el­le Bewer­bung zeigt in eini­gen Berei­chen erkenn­ba­re Fort­schrit­te – kur­ze Wege, Fokus auf Kreis­lauf­wirt­schaft, nach­hal­ti­ge Mobi­li­tät. Das wird aner­kannt. Doch Absichts­er­klä­run­gen sind kei­ne Pla­nungs­grund­la­ge, und guter Wil­le ersetzt kei­ne über­prüf­ba­ren Daten.

Nach­hal­tig­keit ist unteil­bar. Sie umfasst öko­lo­gi­sche Ver­ant­wor­tung eben­so wie sozia­le Gerech­tig­keit, wirt­schaft­li­che Ver­nunft und demo­kra­ti­sche Inte­gri­tät. In allen die­sen Dimen­sio­nen sind wesent­li­che Fra­gen offen – und in einer davon ist die Ant­wort bereits heu­te mit hoher Sicher­heit absehbar.

Auf Grund­la­ge der heu­te vor­lie­gen­den Infor­ma­tio­nen emp­feh­len wir aus der Per­spek­ti­ve nach­hal­ti­ger Ent­wick­lung beim Refe­ren­dum am 31. Mai ein Nein.

Ham­burg hat die Mög­lich­keit, Füh­rung zu zei­gen – nicht durch ein mög­lichst grün ver­mark­te­tes Megae­vent, son­dern durch den Mut, ver­füg­ba­re Res­sour­cen kon­se­quent und nach­weis­bar in eine zukunfts­fä­hi­ge Stadt zu investieren.

Der Zukunfts­rat Ham­burg ist das Netz­werk für nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung in Ham­burg. Die­se Stel­lung­nah­me gibt die Posi­ti­on des Zukunfts­rats als Netz­werk wie­der. Sie basiert auf wis­sen­schaft­li­cher Ana­ly­se und unse­rem lang­jäh­ri­gen Enga­ge­ment für eine zukunfts­fä­hi­ge Stadt. Wir ver­tre­ten kei­ne Par­tei und kei­ne wirt­schaft­li­chen Interessen.

Unse­re voll­stän­di­ge Stel­lung­nah­me fin­den Sie hier: Voll­stän­di­ge Stel­lung­nah­me (PDF)

Pres­se­kon­takt:
Frank Schier | schier@​zukunftsrat.​de | +49 171 177 0 182

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