Das Buch zum Thema Vielfaltist der vierte Band in einer Reihe von Veröffentlichungen der Akademie der Wissenschaften in Hamburg, in denen Essays aus den Perspektiven vieler wissenschaftlichen Disziplinen zu einem Thema dargeboten werden. Seit 2023 waren Gerechtigkeit, Wahrheit und FreiheitGegenstand der Reihe. Sicherheitwird im nächsten Jahr folgen. Mojib Lativ, der Herausgegeber, ist ein vielfach ausgezeichneter und auch den Fernsehzuschauern bekannter Hamburger Forscher, Hochschullehrer sowie Präsident der Deutschen Gesellschaft Club of Romeund der Akademie der Wissenschaften in Hamburg.
Das Thema Vielfalt steht gerade heute im Mittelpunk mindestens in zwei Debattenarenen: einerseits in der demokratiepolitischen Diskussion um kulturelle Vielfalt, wo es um Inklusion, Migration und „Multikulti“ geht und andererseits in der Diskussion um Biodiversität, um die Vielfalt der Natur, der natürlichen Lebensräume. Aber welch grundsätzliche Bedeutung Vielfalt für unser Leben, unser Denken, unser Handeln, Wirtschaft und auch für die Wissenschaft selbst hat, machen die 16 Essays in diesem Band begreiflich. Nur ein paar ausgewählte seien hier erwähnt.
Lucas Bäuerleentlarvt in seinem Essay Die Vielfalt des Wirtschaftensdie scheinbar alternativlosen Grundannahmen (Rationalität, Egoismus und Gleichgewichtsstreben) des vorherrschenden Wirtschaftsdenkens, die durch zahlreiche Wirtschaftskrisen bereits widerlegt worden sind. Er beklagt die Einseitigkeit des ökonomischen Denkens und der ökonomischen Praxis für die gesellschaftliche Resilienz, wenn Krisen in Lieferketten, bei Fachkräftemangel oder Carearbeit ereilen. Der interdisziplinäre Dialog der Pluralen Ökonomik kann gerade in Zeiten von Polykrisen den engen Blick der klassischen Wirtschaftswissenschaften zu überwinden und anstatt den Menschen zu übersehen, ihn als Teil der Natur zu betrachten.
Alica Repenningverdeutlich in ihrem Beitrag Polykrisen und die Zukünfte der Gegenwart, die Bedeutung das Erweitern des Blicks auf die Wirtschaft als eine Vielfalt wirtschaftlicher Praktiken mit einer breiten Pluralität für Zukunftsentwürfe hat, um aus der Sackgasse der monolithischen Betrachtung der Wirtschaft als rein profitorientiertes Konstrukt zu sehen. Gerade in Zeiten von Polykrisen kann die Wahrnehmung dieser Vielfalt Impulse für alternative Zukunftsentwürfe liefern. Als Beispiel erwähnt sie den Ostseeraum, wo bereits heute alternative Zukünfte mit pluraler Ökonomie verwirklicht werden.
Nina Perkowskistellt in ihrem Essay Vielfalt als Erkenntnisquelleklar, wie kurz die simplen Suggestionen greifen, in denen jemand selbstverständlich zu einem Land gehörig oder zu einem Problem erklärt wird. Bei nur einem Blickwinkel auf ein ganzes Land oder mit einer „Wir“-Fiktion geht das vielfältige Wissen unserer postmigrantischen Gesellschaft verloren. Robustes Wissen entstehe nicht durch einfach behaupteten Konsens oder gefühlte Wahrheiten, sondern durch Widerspruch und kritische Debatten. Dies bezieht sie auch auf öffentliche Debatten und auf die Wissenschaft, in der Peer Reviews und Kritik zentral sind. Vielstimmigkeit ernst zu nehmen heißt, genau hinzuhören und präzise zu fragen, welche Probleme wir eigentlich meinen und wie sie sich lösen lassen.
Jeder einzelne Beitrag in diesem Band ist bereichernd und festigt mit der Vielfalt der Blickwinkel und Anwendungsgebiete das Verständnis über den Wert der Vielfalt für das Ganze. So spannende Aspekte wie Gestaltungsmacht der vielfältigen Sprache, Qualitätssteigerung bei Entscheidungen durch vielfältige Gruppen und die Vorteile und Risiken durch KI für vielfältige Führungsstrukturen oder vielfältigen Auswirkungen der Automatisierung auf die Vielfalt.
Der Herausgeber Mojib Latifgibt in seiner Einleitung und seinem eigenen Essay Wechselwirkungen zwischen Klimawandel und dem Rückgang der biologischen Vielfaltweise Zitate u.a. von Indira Gahdhi (1972) und aus dem Schlussstatement aus einem Workshop von Klima- und NaturwissenschaftlerInnen (2020). Aber selbst das Zitat von Karl Popper († 1994)
„Die Zukunft hängt von uns selbst ab,
und wir sind von keiner historischen Notwendigkeit abhängig.“
hat kontinuierlich an Relevanz und Wert für unsere Denk- und Handlungsmuster gewonnen.
Das Buch enthält für jede Leserin und jeden Leser interessante, leicht verdauliche Häppchen. Auf jeden Fall ein gutes Geschenk für neugierige und lernwillige Menschen.
Mojib Latif (Hg.): „VIELFALT. Die Kraft der Kontraste.“
Freiburg im Breisgau: Herder, 2026; ISBN 978.3.451.03728–3, 224 Seiten, 22 €.

Helena Peltonen-Gassmann, Oktober 2026
Sprecherin Zukunftsrat Hamburg
