Von Angelika Ohse.
Ein Beitrag, die Mobilität in Hamburg gerechter und klimafreundlicher zu gestalten, ist das Projekt „Gleichberechtigt mobil in Hamburg“, das 2024 vom Landesfrauenrat Hamburg in Auftrag gegeben und von der Gleichstellungsbehörde finanziert wurde.
Ziel dieses Projekts war es, die Mobilitäts-Situation in Hamburg zu analysieren und konkrete Verbesserungs-Vorschläge zu erarbeiten, die verschiedene Lebensrealitäten und Bedürfnisse berücksichtigen. Durchgeführt wurde es von „urban policy“, einem Beratungsunternehmen aus Berlin, dessen Fokus auf inklusiver und gendergerechter Stadtentwicklung liegt.
Unterschiedliches Mobilitäts-Verhalten
Die meisten Frauen* sind anders unterwegs als die meisten Männer*.
- Frauen* mit und ohne Kinder haben deutlich komplexere Wege – dies gilt auch für junge und ältere Frauen* und die, die nicht (mehr) berufstätig sind.
- Frauen* nutzen für ihre Wege häufiger als Männer unterschiedliche Verkehrsmittel (multimodal unterwegs)
- Frauen* wählen die für sie effizienteste und sicherste Möglichkeit, um diese Komplexität zu meistern, oft sind das emissionsarme Optionen, z.B. zu Fuß zur KiTa oder Schule, mit dem Bus zur Arbeit, per Rad zum Einkaufen
- unpassende Angebote, lückenhafte Infrastruktur und Angst auf dem Heimweg
führen allerdings häufig dazu, dass Frauen*- trotz hohen Zeitdrucks längere Wege auf sich nehmen und
- teilweise emissionsärmere Mobilitätsoptionen wie Fahrräder und ÖPNV aktiv meiden
Aktuelle Situation der Mobilität in Hamburg
Traditionelle Planungsprozesse wurden überwiegend von / für Männer* konzipiert, die ihre eigene Art der Mobilität als allgemein ansahen.
Darum wurden in der Stadtentwicklung die spezifischen Bedürfnisse von Frauen*, aber auch von Kindern, älteren Menschen und anderen marginalisierten Gruppen, weitgehend vernachlässigt. Um diese Lücke zu schließen, ist es unerlässlich, die unterschiedlichen Bedürfnisse von Frauen* in Bezug auf Mobilität zu berücksichtigen.
Vier Kriterien für Mobilitätsentscheidungen von Frauen*
- Zugänglichkeit / Barrierefreiheit
Frauen* sind deutlich häufiger mit Kindern und pflegebedürftigen Angehörigen sowie mit Einkäufen und anderen Gegenständen unterwegs. Ihre höhere Lebenserwartung ist häufig mit Mobilitäts-Einschränkungen verbunden. Abgesenkte Bordsteinkanten, Aufzüge, stufenlose Zugänge zur Bahn, kniende Busse sowie ausreichend Platz für Lasten, Räder und Kinderwagen im öffentlichen Nahverkehr sind darum für sie besonders wichtig. - Bezahlbarkeit
Von zentraler Bedeutung sind Aspekte wie faire Tarifstrukturen und die Möglichkeit, mehrere Wege bequem mit einer Fahrkarte zu kombinieren.
Denn aufgrund des Gender Pay Gaps und des daraus resultierenden Gender Pension Gaps sind viele Frauen*, v.a. in urbanen Kontexten, auf den ÖPNV angewiesen. - Sicherheit
- Verkehrssicherheit:
Frauen* sind weniger bereit, Risiken einzugehen, etwa auf schmalen oder schlecht gesicherten Radwegen. Care-Arbeit, insbesondere, dass Frauen* eher mit einem Kind unterwegs sind, spielt bei der Entscheidungsfindung eine zusätzliche wichtige Rolle. Diese Bedenken sind begründet, denn bei Unfällen zwischen automobilen und nicht automobilen Verkehrsteilnehmenden tragen vor allem Fußgänger*innen und Radfahrer*innen schwere Verletzungen davon. Frauen* sind in diesen Gruppen überrepräsentiert und seltener selbst am Steuer von Kraftfahrzeugen, was ihr Risiko für ernsthafte Verletzungen in solchen Unfällen erhöht. - Subjektives Sicherheitsempfinden:
Zahlreiche Studien zeigen, dass viele Frauen* im öffentlichen Raum Angst haben, v.a. im ÖPNV. Catcalling, (sexuelle) Belästigung, fehlende Beleuchtung und blinde Ecken können zu einem Gefühl der Unsicherheit unterwegs beitragen.
Angst vor Belästigung führt dazu, dass Frauen* häufiger das Pendeln zu Stoßzeiten aktiv vermeiden (um räumliche Nähe zu anderen Fahrgästen zu reduzieren), dass sie Sicherheitsstrategien entwickeln, um Sicherheit und Sicherheitsempfinden zu steigern, oder dass sie vermeiden, nachts oder an bestimmten Orten allein unterwegs zu sein.
- Verkehrssicherheit:
- Komfort
Großen Einfluss auf die Wahl der Wege und Verkehrsmittel haben für Frauen* auch weitere Aspekte, die die Mobilität erleichtern. Das sind z.B. Kindersitze bei Sharing-Fahrrädern und ‑Autos, Fahrradabstellplätze in der Nähe von Einrichtungen des täglichen Bedarfs, Gepäck-Transport-Möglichkeiten bei E‑Scootern und anderen Angeboten der Mikromobilität, öffentliche Toiletten, konsumfreie Sitzgelegenheiten usw.
Projekt-Durchführung
Das Projekt enthielt eine Datenerhebung durch eine online-Befragung, Identifikation und Analyse von Problem-Orten, sowie Interviews und Walkshops mit FLINTA*-Personen.
Daraus wurde eine Reihe von Handlungsempfehlungen für die Behörde für Verkehr / Mobilität und für Gleichstellung abgeleitet.
Sechs Problem-Orte wurden untersucht
- Hauptbahnhof
- Reeperbahn
- Sanitaspark
- Unterführung Sternschanze
- Winterhuder Marktplatz
- Lessingtunnel
Ergebnisse des Projekts
Folgende Barrieren wurden festgestellt:
Zugänglichkeit:
- beschädigte oder schlecht instand gehaltene Gehwege
- unzureichende Ampel- und Umsteigezeiten
- Schwierigkeiten in der Nutzung von Bussen bei Mobilitätseinschränkung
- fehlende oder problembehaftete Aufzüge
Bezahlbarkeit:
- hohe Anschaffungs- und Haltungskosten für ein eigenes Auto,
- Fehlender Führerschein
- Nutzung von Taxis oder MOIAs als Sicherheitsstrategie führt oft zu zusätzlichen Kosten und finanzielle Belastungen
Verkehrssicherheit:
- Gefahr durch Enge insbesondere für Mütter und beim Radfahren und Zufußgehen
- Hohes Risiko durch Nutzungskonflikte zwischen dem Rad- und Fußverkehr sowie zwischen dem Radverkehr und dem Bus- und Pkw-Verkehr
Sicherheitsempfinden:
- Einflussfaktoren: Belästigung und Gefahr, mangelnde Beleuchtung, Kriminalität im öffentlichen Raum und Drogenproblematik
- Bestätigung bekannter Sicherheitsstrategien:
- Vermeidung des Zufußgehens und des ÖPNV besonders abends und nachts
- Bevorzugung des eigenen Autos, eines Taxis/MOIA oder (Leih-)Fahrrads
- Vermeidung schlecht beleuchteter Orte, insbesondere in weniger belebten Gegenden
Komfort:
- eigenes Auto wird wegen seiner Flexibilität und Zeitersparnis geschätzt, insbesondere für komplexe Wegeketten oder den Transport von Lasten
- Sharing-Angebote sind oft nicht familienfreundlich ausgestattet
- ausreichend Sitzgelegenheiten und öffentliche Toiletten
Handlungsempfehlungen
Vielfalt an Perspektiven
- mehr Mitwirkung von FLINTA*-Personen bei der Planung in der Behörde
- engere Zusammenarbeit mit Behindertenverbänden, z.B. durch Begehungen
- Runder Tisch für Planung mit Gruppen mit besonderen Mobilitätsbedürfnissen
- Erhöhung der Anzahl von FLINTA*-Sicherheitspersonal und gemischten Sicherheitspersonal-Paaren
Dienstleistungen
- Erhöhung der Busfrequenz & Schulung für Busfahrer*innen bezüglich Durchsagen
- Ausweitung des Stadtrad-Angebots
- Machbarkeitsstudie für ein kostenloses Lastenrad-Sharing-Programm
- Pilotprojekt zur Bereitstellung von Fahrrädern für Haushalte mit geringem Einkommen und alleinerziehende Haushalte
- Priorisierung von Schneeräumung und Streuung auf Fuß- und Radwegen
- Subventionsprogramm für Taxifahrten für FLINTA*-Personen in den Nachtstunden
Informationen & Beschilderung
- Mehr Displays in verschiedenen Höhen in Bus und Bahn mit Stationsanzeige für verschiedene Körpergrößen und Personen im Rollstuhl
- Anzeige über defekte Aufzüge & Alternativen bereits in der Bahn / im Bus
- Anzeige zur Auslastung und Ankunft der nächsten Bahn an Haltestellen
- Bessere Ausschilderung von Aufzügen, ggf. mit Wegmarkierung zwischen Aufzügen oder zu Aufzügen (z. B. am Hauptbahnhof)
- Verbesserung der Sichtbarkeit vorhandener Notrufsäulen und Notknöpfen
- Ausweitung der Awareness-Kampagne gegen Sexismus, Homophobie & Rassismus
Komfort & Aufenthaltsqualität
- Konsumfreie Aufenthaltsorte & Sitzgelegenheiten
- Verbesserung der Sauberkeit→ Erhöhung der Reinigungsfrequenz
- BegrünungBauliche Trennung von Wegen zur Vermeidung von Nutzungskonflikten zwischen Fahrradfahrer*innen, Fußgänger*innen und Busnutzer*innen
- → bessere Trennung der Verkehrsströme sowie eindeutige Gestaltung der Wege
- → Kennzeichnung des Radwegs durch
- rote Farbe
- erneuerte Piktogramme
- Hinweisschilder
- → Bauliche Abgrenzungvon Radwegen, Verlagerung des Radwegs prüfen
Beleuchtung & Sichtachsen
- Ausleuchtung der Bereiche für Fußgänger*innen und Radfahrende:
Hell, direkt und bestenfalls mit weißem Licht (z.B. Unterführung Sternschanze) - Besonderes Augenmerk auf Beleuchtung in Tunneln und anderen geschlossenen Räumen, in Ecken und Nischen sowie in Bereichen zwischen verschiedenen Beleuchtungssituationen (z.B. Lessingtunnel)
- Natürliche und naturnahe Gebiete, in denen helle weiße Lichter die Lebensräume von Wildtieren beeinträchtigen könnten: Bodennahe Beleuchtung und indirekte Beleuchtungskonzepte möglicherweise vorziehen (z.B. am Veringkanal)
- Beachtung der Beziehung zwischen Straßenlaternen und Vegetation
Über die Autorin: Angelika Ohse ist Diplom-Mathematikerin und Software-Entwicklerin, engagiert sich seit vielen Jahren ehrenamtlich gegen die Benachteiligung hinsichtlich des Geschlechts und der sozialen Herkunft.
