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Jens Mar­tens’ Visi­on für eine glo­ba­le Nach­hal­tig­keits­agen­da nach 2030

Posted on 26 Mai um 10:56 Uhr

Der Band „The glo­bal sus­taina­bi­li­ty agen­da on the defen­si­ve: Opti­ons for a Bey­ond 2030 Agen­da“ ist das Ver­mächt­nis eines Autors, der die glo­ba­le Nach­hal­tig­keits­po­li­tik wie kaum ein ande­rer aus zivil­ge­sell­schaft­li­cher Per­spek­ti­ve seziert und mit­ge­stal­tet hat: Jens Mar­tens, lang­jäh­ri­ger Direk­tor des Glo­bal Poli­cy Forum. Der Ham­bur­ger Rat­schlag ver­liert mit Jens einen stets zuver­läs­si­gen Men­tor. Nut­zen wir also auch sein letz­tes Werk als Orientierung.

Das Glo­bal Poli­cy Forum beschreibt den Text aus­drück­lich als „final publi­ca­ti­on“ von Jens Mar­tens, ver­fasst in einer Pha­se, in der die glo­ba­le Nach­hal­tig­keits­agen­da unter mas­si­vem Druck steht. Wäh­rend Regie­run­gen offi­zi­ell an der Agen­da 2030 fest­hal­ten, sind die meis­ten ihrer 17 Zie­le weit davon ent­fernt, erreicht zu wer­den. Die Dia­gno­se, dass die glo­ba­le Nach­hal­tig­keits­agen­da „auf der Defen­si­ve“ ist, bringt nüch­tern auf den Punkt, was vie­le in der ent­wick­lungs­po­li­ti­schen und kom­mu­na­len Pra­xis längst spü­ren: Die anfäng­li­che Auf­bruch­stim­mung von 2015 ist ver­flo­gen, Finan­zie­rungs­zu­sa­gen brö­ckeln, auto­ri­tä­re Ten­den­zen neh­men zu, und mul­ti­ple Kri­sen über­la­gern sys­te­ma­tisch lang­fris­ti­ge Transformationsziele.

Mar­tens knüpft mit dem Band an sei­ne frü­he­re ana­ly­ti­sche Arbeit zur Agen­da 2030 an, etwa an „Die Agen­da 2030 – Glo­ba­le Zukunfts­zie­le für nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung“, in dem er mit Wolf­gang Oben­land die SDGs Ziel für Ziel durch­de­kli­nier­te, Kon­flikt­li­ni­en kennt­lich mach­te und Indi­ka­to­ren und Kon­tro­ver­sen sicht­bar mach­te. Nun aber ver­schiebt sich der Fokus: weg von der Ein­füh­rung in die SDGs, hin zur Fra­ge, wie eine Nach­hal­tig­keits­agen­da jen­seits von 2030 aus­se­hen muss – und wel­che Ver­tei­di­gungs­stra­te­gien zivil­ge­sell­schaft­li­che Akteu­re schon heu­te brauchen.

Ana­ly­se einer Agen­da unter Druck

Die inhalt­li­che Stär­ke des Buches liegt in der polit­öko­no­mi­schen Ana­ly­se der glo­ba­len Nach­hal­tig­keits­ar­chi­tek­tur. Auf­bau­end auf frü­he­ren Arbei­ten zum Stand der SDG-Umset­zung und zur Rol­le der Ver­ein­ten Natio­nen zeigt Mar­tens, wie die Agen­da 2030 immer stär­ker von makro­öko­no­mi­schen Rah­men­be­din­gun­gen, von Schul­den­kri­sen und von einem unge­brems­ten glo­ba­len Wett­be­werbs- und Wachs­tums­re­gime aus­ge­höhlt wird. Wäh­rend die UN mit der Agen­da 2030 einen umfas­sen­den Rah­men gesetzt haben, bleibt die Ver­bind­lich­keit gegen­über mäch­ti­gen wirt­schaft­li­chen Akteu­ren und Finanz­in­sti­tu­tio­nen schwach.

Das Motiv der „Defen­si­ve“ ver­weist dabei nicht nur auf poli­ti­sche Blo­cka­den im mul­ti­la­te­ra­len Sys­tem, son­dern auch auf eine mas­si­ve Gegen­mo­bi­li­sie­rung von Inter­es­sen, die von tief­grei­fen­den Klima‑, Steu­er- oder Sozi­al­re­for­men bedroht sind. Mar­tens ana­ly­siert die Rol­le gro­ßer Kon­zer­ne und die Ver­su­che, über frei­wil­li­ge Selbst­ver­pflich­tun­gen und Public-Pri­va­te-Part­ner­ships den Cha­rak­ter der Agen­da in Rich­tung eines weich­ge­spül­ten „Stake­hol­der-Manage­ments“ zu ver­schie­ben, ohne Macht­asym­me­trien sub­stan­ti­ell anzu­tas­ten. Aus Sicht einer kri­ti­schen Zivil­ge­sell­schaft ist das ein Rück­zugs­kampf: Es geht dar­um, Min­dest­stan­dards von Men­schen­rech­ten, Umwelt- und Sozi­al­schutz, fis­ka­li­scher Hand­lungs­fä­hig­keit und demo­kra­ti­scher Kon­trol­le zu ver­tei­di­gen, wäh­rend die eigent­li­che Trans­for­ma­ti­ons­dy­na­mik ins Sto­cken gerät.

Zugleich macht Mar­tens deut­lich, dass der defen­si­ve Cha­rak­ter der Agen­da nicht nur von außen auf­ge­zwun­gen wird, son­dern auch Aus­druck inter­ner Wider­sprü­che ist. So kri­ti­sier­te er in frü­he­ren Publi­ka­tio­nen wie­der­holt, dass die SDGs einer­seits ein ambi­tio­nier­tes Gesamt­bild zeich­nen, ande­rer­seits aber Wachs­tums- und Wett­be­werbs­ideo­lo­gien kaum in Fra­ge stel­len und so Ziel­kon­flik­te, etwa zwi­schen Kli­ma­zie­len, Res­sour­cen­schutz, sozia­ler Gerech­tig­keit und öko­no­mi­scher Expan­si­on, pro­du­zie­ren. Im neu­en Band ver­schärft er die­se Kri­tik mit Blick auf einen Post-2030-Rah­men: Eine Agen­da, die nicht expli­zit Macht‑, Eigen­tums- und Ver­tei­lungs­fra­gen adres­siert, droht erneut zur sym­bo­li­schen Kulis­se zu werden.

Optio­nen für eine Post-2030-Agenda

Der beson­ders pro­duk­ti­ve Teil des Buches sind die „opti­ons for a Bey­ond 2030 Agen­da“. Mar­tens bleibt sei­nem Stil treu, nicht bei der Kri­tik ste­hen­zu­blei­ben, son­dern kon­kre­te Ansatz­punk­te für eine Wei­ter­ent­wick­lung glo­ba­ler Nach­hal­tig­keits­po­li­tik zu for­mu­lie­ren. Dabei schla­gen sich meh­re­re Lini­en nie­der, die sich schon in sei­nen frü­he­ren Arbei­ten und im Umfeld des Glo­bal Poli­cy Forum finden:

Eine ers­te Linie ist die Stär­kung ver­bind­li­cher men­schen­recht­li­cher und öko­lo­gi­scher Stan­dards gegen­über frei­wil­li­gen Nach­hal­tig­keits­ver­spre­chen. Eine Post-2030-Agen­da, so die Argu­men­ta­ti­on, müs­se sich stär­ker an bestehen­den Men­schen­rechts­ab­kom­men, Umwelt­kon­ven­tio­nen und arbeits­recht­li­chen Stan­dards ori­en­tie­ren und deren Durch­set­zung, auch gegen­über Unter­neh­men, in den Mit­tel­punkt stel­len. Anstel­le einer blo­ßen Addi­ti­on von Zie­len for­dert Mar­tens eine kohä­ren­te Archi­tek­tur, in der Men­schen­rech­te, pla­ne­ta­re Gren­zen und sozia­le Siche­rungs­sys­te­me die nor­ma­ti­ve Leit­plan­ke bilden.

Eine zwei­te Opti­on betrifft die glo­ba­le Finanz- und Steu­er­ar­chi­tek­tur. Bereits früh hat Mar­tens auf die zen­tra­le Rol­le von Ent­wick­lungs­gel­dern, Schul­den­er­las­sen, Steu­er­ge­rech­tig­keit und der Regu­lie­rung von Kapi­tal­flüs­sen hin­ge­wie­sen, wenn es um die Finan­zie­rung der SDGs geht. Im Aus­blick auf eine Post-2030-Agen­da plä­diert er für weit ambi­tio­nier­te­re Ansät­ze: von einer effek­ti­ven Ein­däm­mung von Steu­er­ver­mei­dung und ‑hin­ter­zie­hung über neue glo­ba­le Abga­ben (etwa auf Finanz­trans­ak­tio­nen oder Emis­sio­nen) bis hin zu Mecha­nis­men, die es Staa­ten ermög­li­chen, nach­hal­ti­ge Inves­ti­tio­nen und sozia­le Siche­rungs­sys­te­me lang­fris­tig zu finan­zie­ren, ohne in neue Schul­den­fal­len zu geraten.

Die drit­te Opti­on liegt in einer Stär­kung mul­ti­la­te­ra­ler Insti­tu­tio­nen, die nicht von infor­mel­len Clubs oder pri­va­ten Foren domi­niert wer­den. Mar­tens knüpft hier an sei­ne lang­jäh­ri­ge Beschäf­ti­gung mit den Ver­ein­ten Natio­nen und dem High-Level Poli­ti­cal Forum on Sus­tainable Deve­lo­p­ment (HLPF) an. Eine „Bey­ond 2030“-Architektur, so argu­men­tiert er, brau­che ein demo­kra­ti­sche­res, trans­pa­ren­te­res und macht­be­wuss­te­res mul­ti­la­te­ra­les Sys­tem, in dem glo­ba­le Regeln nicht pri­mär in exklu­si­ven Gre­mi­en des Glo­ba­len Nor­dens ver­han­delt werden.

Bedeu­tung für Ham­burg und die loka­le Agenda

Für 2030ham​burg​.de ist der Band beson­ders rele­vant, weil er die loka­le Umset­zung von Nach­hal­tig­keit in Ham­burg in einen grö­ße­ren poli­ti­schen Kon­text stellt. Die Agen­da 2030 wird in Deutsch­land längst auch kom­mu­nal über­setzt, und ver­schie­de­ne Publi­ka­tio­nen beto­nen, wie Städ­te und Gemein­den zen­tra­le Akteu­re einer nach­hal­ti­gen Ent­wick­lung gewor­den sind. Ham­burg erlebt dies seit Jah­ren in Form von Stra­te­gien, Netz­wer­ken und zivil­ge­sell­schaft­li­chen Alli­an­zen, die sich an den SDGs ori­en­tie­ren – vom Enga­ge­ment in Stadt­tei­len bis zu Debat­ten um Ver­kehrs­wen­de, Woh­nen, Kli­ma­schutz und glo­ba­le Verantwortung.

Mar­tens’ Ana­ly­se erin­nert dar­an, dass die­ses loka­le Enga­ge­ment nicht im luft­lee­ren Raum statt­fin­det. Wenn die glo­ba­le Nach­hal­tig­keits­agen­da unter Druck gerät, wenn sozia­le Siche­rungs­sys­te­me aus­ge­höhlt, Ungleich­hei­ten ver­schärft und öko­lo­gi­sche Kipp­punk­te erreicht wer­den, dann spü­ren Städ­te wie Ham­burg die Fol­gen unmit­tel­bar – durch sozia­le Spal­tun­gen, hit­ze­ge­plag­te Quar­tie­re, stei­gen­de Wohn­kos­ten oder Migra­ti­ons­be­we­gun­gen infol­ge von Kri­sen. Der Band lädt dazu ein, loka­le Initia­ti­ven nicht nur als „Umset­zung“ glo­ba­ler Zie­le zu ver­ste­hen, son­dern als Teil eines grö­ße­ren poli­ti­schen Rings zur Ver­tei­di­gung und Wei­ter­ent­wick­lung die­ser Ziele.

Für die Ham­bur­ger Zivil­ge­sell­schaft bedeu­tet das: Wer in Stadt­teil­zen­tren, Schu­len, Ver­bän­den oder Initia­ti­ven an SDG-The­men arbei­tet, soll­te sich nicht damit zufrie­den­ge­ben, Indi­ka­to­ren abzu­ar­bei­ten. Statt­des­sen geht es dar­um, sich in die Debat­ten um Finan­zie­rung, um Steu­er­po­li­tik, um glo­ba­le Han­dels­re­geln und um die Stär­kung der Ver­ein­ten Natio­nen ein­zu­mi­schen – und dabei Alli­an­zen mit Part­nern im Glo­ba­len Süden zu suchen. Mar­tens zeigt, dass die Zukunft der Nach­hal­tig­keits­agen­da nicht nur auf Kon­fe­ren­zen in New York oder Doha ent­schie­den wird, son­dern auch in Städ­ten wie Ham­burg, die ihre Hand­lungs­spiel­räu­me aktiv nut­zen, ver­tei­di­gen und politisieren.

Jens Mar­tens als Kom­pass für kri­ti­sche Nachhaltigkeitspolitik

In sei­nem Andenken gele­sen, ist „The glo­bal sus­taina­bi­li­ty agen­da on the defen­si­ve: Opti­ons for a Bey­ond 2030 Agen­da“ mehr als eine Ana­ly­se, es ist ein Kom­pass. Jens hat zeit­le­bens dar­an gear­bei­tet, zwi­schen der oft tech­no­kra­ti­schen Spra­che glo­ba­ler Nach­hal­tig­keits­pro­zes­se und den rea­len Macht­kon­stel­la­tio­nen zu ver­mit­teln. Sei­ne Bücher und Papie­re zur Agen­da 2030, zu SDGs und zu Fra­gen der Ent­wick­lungs­fi­nan­zie­rung haben vie­len zivil­ge­sell­schaft­li­chen Akteu­ren in Deutsch­land und inter­na­tio­nal Ori­en­tie­rung gegeben.

Beson­ders prä­gend war sei­ne kon­se­quent glo­ba­le Per­spek­ti­ve: Nach­hal­tig­keits­po­li­tik war für ihn nie nur Umwelt­po­li­tik, son­dern immer auch Friedens‑, Sozial‑, Finanz- und Men­schen­rechts­po­li­tik. Die­se inte­grier­te Sicht­wei­se zieht sich auch durch sei­ne letz­te Ver­öf­fent­li­chung: Die Ver­tei­di­gung der Nach­hal­tig­keits­agen­da ist für ihn untrenn­bar mit der Ver­tei­di­gung sozia­ler Siche­rungs­sys­te­me, mit Steu­er- und Schul­den­re­for­men sowie mit einer Stär­kung mul­ti­la­te­ra­ler Insti­tu­tio­nen und zivil­ge­sell­schaft­li­cher Par­ti­zi­pa­ti­on verbunden.

Für Ham­burg, für die deut­sche Nach­hal­tig­keits­de­bat­te und für inter­na­tio­na­le Netz­wer­ke bleibt die­ses Ver­mächt­nis eine Ein­la­dung, die Agen­da 2030 und ihre Nach­fol­ger nicht als tech­ni­sches Pro­jekt zu behan­deln, son­dern als demo­kra­ti­sches Pro­jekt der Zukunfts­ge­rech­tig­keit. Wer 2030 und dar­über hin­aus ein gerech­tes, soli­da­ri­sches und öko­lo­gisch trag­fä­hi­ges Ham­burg gestal­ten will, fin­det in die­sem Buch einen kla­ren, manch­mal unbe­que­men, aber umso wert­vol­le­ren Bezugspunkt.

Quel­le: https://​www​.2030ham​burg​.de/​j​e​n​s​-​m​a​r​t​e​n​s​-​v​i​s​i​o​n​-​f​u​e​r​-​e​i​n​e​-​g​l​o​b​a​l​e​-​n​a​c​h​h​a​l​t​i​g​k​e​i​t​s​a​g​e​n​d​a​-​n​a​c​h​-​2​0​30/

Jens Mar­tens (2026) The glo­bal Sus­taina­bi­li­ty agen­da on the defen­si­ve. Opti­ons for a Bey­ond 2030 Agen­da. Glo­bal Poli­cy Forum Euro­pe, Köln, https://​www​.glo​bal​po​li​cy​.org/​s​i​t​e​s​/​d​e​f​a​u​l​t​/​f​i​l​e​s​/​d​o​w​n​l​o​a​d​/​B​r​i​e​f​i​n​g​_​0​5​2​6​_​G​l​o​b​a​l​_​S​u​s​t​a​i​n​a​b​i​l​i​t​y​_​A​g​e​n​d​a​.​pdf [acces­sed 19.05.2026]

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