Der Band „The global sustainability agenda on the defensive: Options for a Beyond 2030 Agenda“ ist das Vermächtnis eines Autors, der die globale Nachhaltigkeitspolitik wie kaum ein anderer aus zivilgesellschaftlicher Perspektive seziert und mitgestaltet hat: Jens Martens, langjähriger Direktor des Global Policy Forum. Der Hamburger Ratschlag verliert mit Jens einen stets zuverlässigen Mentor. Nutzen wir also auch sein letztes Werk als Orientierung.
Das Global Policy Forum beschreibt den Text ausdrücklich als „final publication“ von Jens Martens, verfasst in einer Phase, in der die globale Nachhaltigkeitsagenda unter massivem Druck steht. Während Regierungen offiziell an der Agenda 2030 festhalten, sind die meisten ihrer 17 Ziele weit davon entfernt, erreicht zu werden. Die Diagnose, dass die globale Nachhaltigkeitsagenda „auf der Defensive“ ist, bringt nüchtern auf den Punkt, was viele in der entwicklungspolitischen und kommunalen Praxis längst spüren: Die anfängliche Aufbruchstimmung von 2015 ist verflogen, Finanzierungszusagen bröckeln, autoritäre Tendenzen nehmen zu, und multiple Krisen überlagern systematisch langfristige Transformationsziele.
Martens knüpft mit dem Band an seine frühere analytische Arbeit zur Agenda 2030 an, etwa an „Die Agenda 2030 – Globale Zukunftsziele für nachhaltige Entwicklung“, in dem er mit Wolfgang Obenland die SDGs Ziel für Ziel durchdeklinierte, Konfliktlinien kenntlich machte und Indikatoren und Kontroversen sichtbar machte. Nun aber verschiebt sich der Fokus: weg von der Einführung in die SDGs, hin zur Frage, wie eine Nachhaltigkeitsagenda jenseits von 2030 aussehen muss – und welche Verteidigungsstrategien zivilgesellschaftliche Akteure schon heute brauchen.
Analyse einer Agenda unter Druck
Die inhaltliche Stärke des Buches liegt in der politökonomischen Analyse der globalen Nachhaltigkeitsarchitektur. Aufbauend auf früheren Arbeiten zum Stand der SDG-Umsetzung und zur Rolle der Vereinten Nationen zeigt Martens, wie die Agenda 2030 immer stärker von makroökonomischen Rahmenbedingungen, von Schuldenkrisen und von einem ungebremsten globalen Wettbewerbs- und Wachstumsregime ausgehöhlt wird. Während die UN mit der Agenda 2030 einen umfassenden Rahmen gesetzt haben, bleibt die Verbindlichkeit gegenüber mächtigen wirtschaftlichen Akteuren und Finanzinstitutionen schwach.
Das Motiv der „Defensive“ verweist dabei nicht nur auf politische Blockaden im multilateralen System, sondern auch auf eine massive Gegenmobilisierung von Interessen, die von tiefgreifenden Klima‑, Steuer- oder Sozialreformen bedroht sind. Martens analysiert die Rolle großer Konzerne und die Versuche, über freiwillige Selbstverpflichtungen und Public-Private-Partnerships den Charakter der Agenda in Richtung eines weichgespülten „Stakeholder-Managements“ zu verschieben, ohne Machtasymmetrien substantiell anzutasten. Aus Sicht einer kritischen Zivilgesellschaft ist das ein Rückzugskampf: Es geht darum, Mindeststandards von Menschenrechten, Umwelt- und Sozialschutz, fiskalischer Handlungsfähigkeit und demokratischer Kontrolle zu verteidigen, während die eigentliche Transformationsdynamik ins Stocken gerät.
Zugleich macht Martens deutlich, dass der defensive Charakter der Agenda nicht nur von außen aufgezwungen wird, sondern auch Ausdruck interner Widersprüche ist. So kritisierte er in früheren Publikationen wiederholt, dass die SDGs einerseits ein ambitioniertes Gesamtbild zeichnen, andererseits aber Wachstums- und Wettbewerbsideologien kaum in Frage stellen und so Zielkonflikte, etwa zwischen Klimazielen, Ressourcenschutz, sozialer Gerechtigkeit und ökonomischer Expansion, produzieren. Im neuen Band verschärft er diese Kritik mit Blick auf einen Post-2030-Rahmen: Eine Agenda, die nicht explizit Macht‑, Eigentums- und Verteilungsfragen adressiert, droht erneut zur symbolischen Kulisse zu werden.
Optionen für eine Post-2030-Agenda
Der besonders produktive Teil des Buches sind die „options for a Beyond 2030 Agenda“. Martens bleibt seinem Stil treu, nicht bei der Kritik stehenzubleiben, sondern konkrete Ansatzpunkte für eine Weiterentwicklung globaler Nachhaltigkeitspolitik zu formulieren. Dabei schlagen sich mehrere Linien nieder, die sich schon in seinen früheren Arbeiten und im Umfeld des Global Policy Forum finden:
Eine erste Linie ist die Stärkung verbindlicher menschenrechtlicher und ökologischer Standards gegenüber freiwilligen Nachhaltigkeitsversprechen. Eine Post-2030-Agenda, so die Argumentation, müsse sich stärker an bestehenden Menschenrechtsabkommen, Umweltkonventionen und arbeitsrechtlichen Standards orientieren und deren Durchsetzung, auch gegenüber Unternehmen, in den Mittelpunkt stellen. Anstelle einer bloßen Addition von Zielen fordert Martens eine kohärente Architektur, in der Menschenrechte, planetare Grenzen und soziale Sicherungssysteme die normative Leitplanke bilden.
Eine zweite Option betrifft die globale Finanz- und Steuerarchitektur. Bereits früh hat Martens auf die zentrale Rolle von Entwicklungsgeldern, Schuldenerlassen, Steuergerechtigkeit und der Regulierung von Kapitalflüssen hingewiesen, wenn es um die Finanzierung der SDGs geht. Im Ausblick auf eine Post-2030-Agenda plädiert er für weit ambitioniertere Ansätze: von einer effektiven Eindämmung von Steuervermeidung und ‑hinterziehung über neue globale Abgaben (etwa auf Finanztransaktionen oder Emissionen) bis hin zu Mechanismen, die es Staaten ermöglichen, nachhaltige Investitionen und soziale Sicherungssysteme langfristig zu finanzieren, ohne in neue Schuldenfallen zu geraten.
Die dritte Option liegt in einer Stärkung multilateraler Institutionen, die nicht von informellen Clubs oder privaten Foren dominiert werden. Martens knüpft hier an seine langjährige Beschäftigung mit den Vereinten Nationen und dem High-Level Political Forum on Sustainable Development (HLPF) an. Eine „Beyond 2030“-Architektur, so argumentiert er, brauche ein demokratischeres, transparenteres und machtbewussteres multilaterales System, in dem globale Regeln nicht primär in exklusiven Gremien des Globalen Nordens verhandelt werden.
Bedeutung für Hamburg und die lokale Agenda
Für 2030hamburg.de ist der Band besonders relevant, weil er die lokale Umsetzung von Nachhaltigkeit in Hamburg in einen größeren politischen Kontext stellt. Die Agenda 2030 wird in Deutschland längst auch kommunal übersetzt, und verschiedene Publikationen betonen, wie Städte und Gemeinden zentrale Akteure einer nachhaltigen Entwicklung geworden sind. Hamburg erlebt dies seit Jahren in Form von Strategien, Netzwerken und zivilgesellschaftlichen Allianzen, die sich an den SDGs orientieren – vom Engagement in Stadtteilen bis zu Debatten um Verkehrswende, Wohnen, Klimaschutz und globale Verantwortung.
Martens’ Analyse erinnert daran, dass dieses lokale Engagement nicht im luftleeren Raum stattfindet. Wenn die globale Nachhaltigkeitsagenda unter Druck gerät, wenn soziale Sicherungssysteme ausgehöhlt, Ungleichheiten verschärft und ökologische Kipppunkte erreicht werden, dann spüren Städte wie Hamburg die Folgen unmittelbar – durch soziale Spaltungen, hitzegeplagte Quartiere, steigende Wohnkosten oder Migrationsbewegungen infolge von Krisen. Der Band lädt dazu ein, lokale Initiativen nicht nur als „Umsetzung“ globaler Ziele zu verstehen, sondern als Teil eines größeren politischen Rings zur Verteidigung und Weiterentwicklung dieser Ziele.
Für die Hamburger Zivilgesellschaft bedeutet das: Wer in Stadtteilzentren, Schulen, Verbänden oder Initiativen an SDG-Themen arbeitet, sollte sich nicht damit zufriedengeben, Indikatoren abzuarbeiten. Stattdessen geht es darum, sich in die Debatten um Finanzierung, um Steuerpolitik, um globale Handelsregeln und um die Stärkung der Vereinten Nationen einzumischen – und dabei Allianzen mit Partnern im Globalen Süden zu suchen. Martens zeigt, dass die Zukunft der Nachhaltigkeitsagenda nicht nur auf Konferenzen in New York oder Doha entschieden wird, sondern auch in Städten wie Hamburg, die ihre Handlungsspielräume aktiv nutzen, verteidigen und politisieren.
Jens Martens als Kompass für kritische Nachhaltigkeitspolitik
In seinem Andenken gelesen, ist „The global sustainability agenda on the defensive: Options for a Beyond 2030 Agenda“ mehr als eine Analyse, es ist ein Kompass. Jens hat zeitlebens daran gearbeitet, zwischen der oft technokratischen Sprache globaler Nachhaltigkeitsprozesse und den realen Machtkonstellationen zu vermitteln. Seine Bücher und Papiere zur Agenda 2030, zu SDGs und zu Fragen der Entwicklungsfinanzierung haben vielen zivilgesellschaftlichen Akteuren in Deutschland und international Orientierung gegeben.
Besonders prägend war seine konsequent globale Perspektive: Nachhaltigkeitspolitik war für ihn nie nur Umweltpolitik, sondern immer auch Friedens‑, Sozial‑, Finanz- und Menschenrechtspolitik. Diese integrierte Sichtweise zieht sich auch durch seine letzte Veröffentlichung: Die Verteidigung der Nachhaltigkeitsagenda ist für ihn untrennbar mit der Verteidigung sozialer Sicherungssysteme, mit Steuer- und Schuldenreformen sowie mit einer Stärkung multilateraler Institutionen und zivilgesellschaftlicher Partizipation verbunden.
Für Hamburg, für die deutsche Nachhaltigkeitsdebatte und für internationale Netzwerke bleibt dieses Vermächtnis eine Einladung, die Agenda 2030 und ihre Nachfolger nicht als technisches Projekt zu behandeln, sondern als demokratisches Projekt der Zukunftsgerechtigkeit. Wer 2030 und darüber hinaus ein gerechtes, solidarisches und ökologisch tragfähiges Hamburg gestalten will, findet in diesem Buch einen klaren, manchmal unbequemen, aber umso wertvolleren Bezugspunkt.
Jens Martens (2026) The global Sustainability agenda on the defensive. Options for a Beyond 2030 Agenda. Global Policy Forum Europe, Köln, https://www.globalpolicy.org/sites/default/files/download/Briefing_0526_Global_Sustainability_Agenda.pdf [accessed 19.05.2026]
