Während Klimaforscher vor den Folgen der 1,5‑Grad-Überschreitung warnen und Hamburg seine Bürger:innen zum Energiesparen aufruft, lädt die Hansestadt vom 12. bis 14. September 2025 wieder zu einer gigantischen Party der Verschwendung ein: den Hamburg Cruise Days.
Das Paradox am Hafenbecken
Es ist schon bemerkenswert: Da ruft die Bundesregierung zum Energiesparen auf, Hamburg bewirbt seine Klimaziele und appelliert an die Eigenverantwortung der Bürger:innen — und gleichzeitig feiert dieselbe Stadt drei Tage lang schwimmende Klimakatastrophen als touristische Attraktion. Die Kreuzfahrtgiganten, die da majestätisch in die Elbe einlaufen, sind schwimmende Städte des Überflusses, deren ökologischer Fußabdruck jeden klimabewussten Menschen erschaudern lassen müsste.
Die Klimabilanz der Kreuzfahrtschifffahrt
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Ein modernes Kreuzfahrtschiff stößt täglich so viel CO₂ aus wie viele tausend Pkw. Einige Quellen sprechen sogar von mehreren Zehntausend. Hinzu kommen erhebliche Mengen an Stickstoff- und Schwefeloxiden, deren Konzentration in Hafenstädten die Luftqualität massiv beeinträchtigen kann.
Besonders kritikwürdig: Während die Schiffe im Hafen liegen, laufen bei vielen die Dieselgeneratoren weiter — trotz verfügbarem Landstromanschluss. Aktuell sind laut Hafenbehörde nur drei von sieben Kreuzfahrt-Liegeplätzen in Hamburg mit Landstrom ausgestattet, und selbst diese werden nach Angaben von Umweltverbänden nicht konsequent genutzt. Technische Inkompatibilitäten werden häufig als Grund angeführt für eine Branche, die Milliarden in neue Megaschiffe investiert, aber nach Einschätzung von Kritikern bei der Umwelttechnik zurückhaltender agiert.
Dokumentierte Umwelt- und Arbeitsrechtsprobleme
Verschiedene Reedereien, die auch bei den Cruise Days häufiger präsent sind, standen in den vergangenen Jahren wegen Umwelt- und Arbeitsrechtsverstößen in der Kritik:
AIDA Cruises gehört zur Carnival Corporation, einem Konzern, der nach öffentlich dokumentierten Gerichtsverfahren seit 2000 mehrfach hohe Millionenstrafen wegen nachgewiesener Meeresverschmutzung zahlen musste. Dazu gehörten u. a. die illegale Entsorgung von ölhaltigen Abwässern sowie die Einleitung von Plastikabfällen ins Meer.
MSC Cruises sah sich nach Medienberichten mehrfach mit Problemen konfrontiert, weil angeblich Umweltauflagen nicht eingehalten wurden. Zusätzlich wurden Korruptionsvorwürfe bei Hafenverträgen erhoben.
Norwegian Cruise Line zahlte nach Gerichtsdokumenten 2021 eine halbe Million Dollar Strafe für illegale Abwasserentsorgung vor Hawaii und steht nach Angaben von Umweltverbänden wegen mehrfacher Verstöße gegen Scrubber-Bestimmungen in der Kritik.
Hapag-Lloyd Cruises führt Expeditionskreuzfahrten in die sensible Arktis durch — ausgerechnet in Zeiten des Klimawandels.
Doch nicht nur die Umwelt leidet unter der Kreuzfahrtindustrie – auch die Menschen. Die COVID-19-Pandemie verdeutlichte strukturelle Probleme der Kreuzfahrtindustrie: Tausende Crew-Mitglieder waren monatelang auf den Schiffen gestrandet, oft ohne regulären Lohn und ohne Perspektive auf Heimkehr. Medien berichteten von dramatischen Situationen, darunter auch Verzweiflungstaten auf Schiffen verschiedener Reedereien. Bei Carnival dauerte es nach Medienberichten teils bis zu fünf Monate, bis die Crew wieder in ihre Heimatländer zurückkehren durften.
Nach Recherchen von Arbeitsrechtsorganisationen war das kein Ausnahmezustand, sondern lässt systematische Ausbeutung vermuten: 10–16 Stunden täglich, sieben Tage die Woche, sechs bis zehn Monate am Stück arbeiten viele Crew-Mitglieder – häufig aus den Philippinen – für 400–600 Dollar im Monat, wie einige Medien berichten. Das entspricht einem Stundenlohn von 50 Cent bis einem Euro. Durch das System der Billigflaggen sind Gewerkschaftsrechte praktisch ausgehebelt, getrennte Crew-Bereiche verdeutlichen die strikte Hierarchie an Bord.
Norwegian Cruise Line wurde nach Gerichtsunterlagen 2019 wegen Lohndiebstahls verklagt, Royal Caribbean 2021 wegen unbezahlter Überstunden. Bei MSC sind nach Medienberichten 16-Stunden-Schichten ohne freie Tage dokumentiert. Mehrere große Reedereien, die auch bei den Cruise Days präsent sind, stehen damit in der Kritik, ihre Profite auf Kosten von Menschenrechten und fairen Arbeitsbedingungen zu erzielen.
So zeigt sich: Die Kreuzfahrtindustrie ist weder ökologisch noch sozial nachhaltig. Sie belastet nicht nur das Klima, sondern gefährdet auch die Würde und die Rechte der Beschäftigten. Und Hamburg feiert diese Industrie?
Hamburg als “grüner” Hafen?
Hamburg bewirbt sich gerne als umweltfreundlicher Kreuzfahrthafen. Umweltverbände sehen dies kritisch: Nach einer zitierten EU-Studie lag Hamburg 2023 angeblich auf Platz 6 der am meisten durch Kreuzfahrtschiffe verschmutzten Hafenstädte Europas. Besonders fragwürdig: Am neuen Terminal im Westfield Überseequartier ist nach Angaben der Hafenbehörde bis Jahresende 2025 noch kein Landstrom verfügbar. Die Dieselabgase der dort liegenden Schiffe ziehen über die Einkaufspromenade zur Mall — was Umweltverbände als Gesundheitsrisiko für Flaneure und Touristen einstufen.
Kritik gibt es auch an der Luftqualitätsmessung: Die wenigen Luftmess-Stationen stehen nach Einschätzung des NABU Hamburg weit weg von den Terminals, “überschattet von Bäumen und abgeschirmt vor Abgasen”, kritisiert der NABU Hamburg. “Um die Hamburger besser zu schützen, müsste man näher an den Terminals messen.”
Messungen von Umweltverbänden während der Cruise Days zeigen nach deren Angaben regelmäßig erhöhte Schadstoffwerte in der HafenCity und in St. Pauli. Die Feinstaubbelastung steigt messbar an, Stickoxide belasten nach diesen Messungen die Atemluft der Anwohner:innen.
Umweltverbände üben scharfe Kritik
Die großen Umweltverbände sind sich in ihrer Kritik einig: Die Kreuzfahrtbranche verursacht erhebliche ökologische Probleme, und Hamburg unterstützt mit den Cruise Days nach ihrer Ansicht eine problematische Industrie. Der NABU, der seit Jahren ein Kreuzfahrt-Ranking durchführt, kommt zu einem kritischen Urteil: Nur 2 von über 300 bewerteten Schiffen erhielten mehr als 2 von 5 möglichen Sternen. “Hamburg inszeniert mit den Cruise Days ein fragwürdiges Spektakel und nennt es Tourismus”, kritisiert NABU-Bundesgeschäftsführer Dr. Leif Miller.
Die Deutsche Umwelthilfe liefert die Belege: Ihre Messungen während der Cruise Days 2022 zeigten NO2-Werte von 180 μg/m³ — das 4,5‑fache des EU-Grenzwertes. Die Feinstaub-Belastung war dreimal höher als von der WHO empfohlen. “Während Hamburg seine Bürger zum Energiesparen aufruft, lädt die Stadt die schmutzigsten Schiffe der Welt zur Party ein. Das ist Doppelmoral in Reinkultur”, so DUH-Geschäftsführer Jürgen Resch.
Auch der BUND Hamburg geht hart ins Gericht: “Die Cruise Days sind das Gegenteil von dem, was Hamburg für den Klimaschutz braucht: Ein Fest der Verschwendung auf Kosten der Umwelt und der Gesundheit der Hamburger.” Die Umweltverbände fordern einhellig: Weg von den Cruise Days, hin zu einem Hafenfest der nachhaltigen Mobilität.
Die unsichtbare Klimaschuld: Flugtourismus
Was in der offiziellen Klimabilanz der Cruise Days häufig fehlt, sind die An- und Abreiseemissionen. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 80% der Kreuzfahrtpassagiere per Flugzeug anreisen — oft von anderen Kontinenten. Pro Kreuzfahrt entstehen im Durchschnitt 2–3 Flüge pro Person. Die gesamte Klimabilanz einer Kreuzfahrt ist daher noch problematischer als die ohnehin schon hohen Schiffsemissionen vermuten lassen.
Der Ansturm auf sensible Ökosysteme
Während die traditionellen Routen im Mittelmeer und in der Karibik stark frequentiert sind, expandiert die Kreuzfahrtindustrie verstärkt in ökologisch sensible Naturgebiete. Besonders umstritten: der Boom des “Last Chance Tourism” — Marketing mit dem Slogan “Sehen Sie das arktische Eis, bevor es schmilzt”. 2023 fuhren nach Branchenangaben über 100 Kreuzfahrtschiffe durch arktische Gewässer und hinterließen nach wissenschaftlichen Erkenntnissen Rußpartikel auf dem weißen Eis, was die Schmelze zusätzlich beschleunigt.
Parallel wächst auch der Flusskreuzfahrt-Sektor: Die Anzahl der Flusskreuzfahrtschiffe in Europa ist seit 2019 nach Branchendaten um über 25% gestiegen. Rhein, Donau und Elbe werden zu stark befahrenen Routen — mit ähnlichen Umweltproblemen wie ihre großen Geschwister auf den Weltmeeren.
Wenn Städte NEIN sagen
Immer mehr Destinationen haben genug: Venedig verbietet große Kreuzfahrtschiffe seit 2021 komplett. Barcelona, Dubrovnik und Santorini haben erhebliche Beschränkungen eingeführt. Amsterdam plant ab 2025 Einschränkungen für Kreuzfahrtschiffe im Stadtzentrum. Diese Städte haben nach eigener Aussage erkannt: Der kurzfristige touristische Gewinn steht nach ihrer Einschätzung nicht im Verhältnis zu den langfristigen Auswirkungen auf Umwelt und Lebensqualität.
Hamburg hingegen lädt weiter zur Party ein. Während andere Hafenstädte Verantwortung übernehmen, hält Hamburg an einem Geschäftsmodell fest, das mit Blick auf einen gesellschaftlichen Wandel zu mehr Nachhaltigkeit keine Zukunft hat.
Grüne Versprechen, fossile Realität
Die Kreuzfahrtbranche verspricht “Klimaneutralität” bis 2050 — ein Zeitpunkt, der aus Sicht von Klimawissenschaftlern für die Klimaziele möglicherweise zu spät ist. Bis dahin plant die Industrie nach Branchenangaben den Bau von 30 neuen Megaschiffen, die überwiegend auf fossile Brennstoffe setzen. LNG wird als “Übergangstechnologie” beworben, wobei Kritiker das damit verbundene Methanproblem betonen. Wasserstoff-Antriebe bleiben derzeit Zukunftsmusik für eine Branche, die nach Einschätzung von Beobachtern lieber in Luxusausstattung als in Klimatechnik investiert.
“There are no jobs on a dead planet”
Die ZEIT bringt die Debatte auf den Punkt: “Deren Fürsprecher sagen, sie bringe Wohlstand nach Hamburg und sichere Jobs. Kreuzfahrtschiffe sind Dreckschleudern, die Klima und Gesundheit schaden und Städte mit Touristen überschwemmen, sagen die Gegner. Wer hat recht?”
Die Antwort ist einfach: Beide haben recht. Und genau das ist das Problem.
Richtig ist: Die Kreuzfahrtbranche bringt Hamburg kurzfristig Wohlstand. 1,67 Millionen Euro pro Schiff, 4.500 Arbeitsplätze, 500 Millionen Euro Wertschöpfung jährlich — das sind aus wirtschaftlicher Sicht beeindruckende Zahlen. Richtig ist auch: Viele Menschen leben direkt oder indirekt von dieser Branche, von der Musikerin auf der AIDA bis zum Kofferträger am Terminal.
Aber diese wirtschaftlichen Erfolge stehen nicht in Konkurrenz zur Klimakritik — sie verstärken das Problem. Denn Hamburg setzt wissentlich auf eine Branche mit umstrittener Zukunftsfähigkeit. Eine Branche, die unsere Lebensgrundlagen zerstört und damit langfristig auch ihre eigenen wirtschaftlichen Grundlagen untergräbt.
Der amerikanische Umweltaktivist David Brower brachte es auf den Punkt: “There are no jobs on a dead planet.” Hamburg kann nicht gleichzeitig Klimaschutz predigen und eine der klimaschädlichsten Branchen der Welt hofieren. Die Stadt muss eine Entscheidung treffen: Setzt sie weiter auf die Einnahmen einer umstrittenen Industrie — oder investiert sie in zukunftsfähige Wirtschaftsmodelle?
Die Cruise Days sind das Symbol für diese falsche Prioritätensetzung. Sie unterstützen eine Branche, die die Anforderungen an eine nachhaltige Zukunft absehbar nicht bewältigen kann. Während andere Hafenstädte bereits Einschränkungen planen, verfolgt Hamburg weiterhin ein Geschäftsmodell der Vergangenheit. Das ist nicht nur aus klimapolitischer Sicht fragwürdig, sondern auch wirtschaftspolitisch kurzsichtig gedacht.
Die verheerende Botschaft
Doch das eigentliche Problem liegt noch tiefer: Was für eine Botschaft sendet Hamburg mit den Cruise Days an seine Bürger:innen? Wenn die Stadt offiziell eine Party der Gigantomanie und Verschwendung feiert, ist es für die Hausbesitzerin in Eidelstedt schwer nachvollziehbar, warum sie sich für eine Wärmepumpe verschulden soll. “So schlimm kann es mit dem Klima dann ja nicht sein”, ist die logische Schlussfolgerung.
Diese Symbolpolitik konterkariert jeden Appell zum privaten Klimaschutz. Sie untergräbt die Transformationsbereitschaft der Gesellschaft und sendet das fatale Signal: Klimaschutz ist etwas für die kleinen Leute, während die Reichen und Mächtigen weiter Party machen.
Die Cruise Days transportieren eine Botschaft der ökologischen Verantwortungslosigkeit, die verheerende Auswirkungen auf das Unrechtsbewusstsein der Bevölkerung hat. Wenn Hamburg schwimmende Klimakiller als Touristenattraktion feiert, zerstört die Stadt das Fundament für eine erfolgreiche Klimatransformation: die gesellschaftliche Akzeptanz und Bereitschaft zum Wandel.
Hamburg muss Verantwortung übernehmen
Hamburg steht vor einer Wahl: Entweder ist es der Stadt ernst mit ihren Klimazielen — dann müssen auch die Cruise Days auf den Prüfstand. Oder sie bekennt sich offen dazu, dass Tourismus und Wirtschaftsinteressen wichtiger sind als Klimaschutz. Beides gleichzeitig geht nicht.
Eine verantwortungsvolle Stadtpolitik würde die Cruise Days in ihrer jetzigen Form beenden und stattdessen zu einem Hafenfest der nachhaltigen Mobilität machen. Solange Hamburg aber schwimmende Klimakiller feiert, trägt die Stadt zur Klimakatastrophe bei – und untergräbt ihre eigenen Klimaschutzbemühungen.
Andere Städte haben es vorgemacht: Mut zur Veränderung zahlt sich aus — nicht nur ökologisch, sondern auch gesellschaftlich. Hamburg könnte Vorreiter werden statt Nachzügler. Die Entscheidung liegt bei der Politik — und bei den Bürger:innen, die diese Politik wählen.
Die Transformation zu einer klimaneutralen Gesellschaft braucht Glaubwürdigkeit. Mit den Cruise Days zerstört Hamburg genau diese Glaubwürdigkeit — und entfernt damit seine Bürger:innen wieder ein Stück mehr von einer dringend nötigen Transformation.
Kontakt: Frank Schier
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Dieser Blogbeitrag spiegeln ausschließlich die persönliche Meinung des Autors wider und repräsentieren nicht die offizielle Position des Zukunftsrates Hamburg. Der Zukunftsrat Hamburg setzt sich jedoch aktiv für den Austausch über verschiedene Perspektiven und Themen im Bereich Nachhaltigkeit ein.
Über den Autor
Frank Schier, 58, geboren in Mainz, ist Vater zweier erwachsener Kinder. Nach einer Ausbildung zum Heizungsbauer fand er autodidaktisch seinen Weg in die Welt des Werbefilms. Vor 25 Jahren gründete eine eigene Multimedia-Agentur, die sich gemeinsam mit seinem späteren Geschäftspartner zu einer Full-Service-Agentur SCHIERRIEGER entwickelte. Seit über 13 Jahren liegt deren Spezialisierung auf Nachhaltigkeitskommunikation. Seit 2017 ist SCHIERRIEGER Mitglied des Zukunftsrats Hamburg, und seit 2018 bekleidet Frank Schier die Position des Sprechers des Zukunftsrats. In dieser Rolle widmet er sich Themen wie Klimakommunikation, Kreislaufwirtschaft, Energie, Stadtentwicklung und Transformation. Darüber hinaus vertritt er den Zukunftsrat im Nachhaltigkeitsforum Hamburg seit 2017.
